Lichter aus im Kosmos-Check: So zählst du Sterne und machst deine Straße sichtbar – im Sinne der Wissenschaft
Stell dir vor, du könntest mit bloßem Auge die Milchstraße sehen – vom Balkon in Köln, Stuttgart oder Berlin. Klingt utopisch? Für die meisten Deutsche ist es das auch geworden. Rund 80 Prozent der Bevölkerung in Europa erlebt nachts einen Himmel, der so hell ist wie in der Dämmerung. Die Schuldigen: Straßlaternen, Werbetafeln, beleuchtete Denkmäler und die allgegenwärtigen LED-Flächen, die ihren Sprühnebel weit über die Stadtgrenzen hinaus werfen.
Das Schöne an der Geschichte: Du kannst selbst mithelfen, das Problem zu vermessen. Ohne Teleskop, ohne Doktortitel, ohne Labor. Nur mit deinen Augen und ein paar Minuten Zeit.
Zählen für die Wissenschaft: So funktioniert Globe at Night
Das am längsten laufende und bekannteste Projekt heißt Globe at Night, initiiert von der US-amerikanischen National Science Foundation, aber global ausgerichtet. Die Idee ist brillant simpel:
- Du gehst abends nach draußen und suchst ein bestimmtes Sternbild – je nach Jahreszeit etwa den Orion im Winter oder den Skorpion im Sommer.
- Du vergleichst, wie viele Sterne du dort tatsächlich siehst, mit einer Reihe von Referenzkarten. Karte 1 zeigt das Sternbild unter perfektem Dunkelhimmel, Karte 8 zeigt fast nichts mehr.
- Du gibst dein Ergebnis samt grobem Standort (nur Stadt, keine exakte Adresse) über die Website oder App ein.
Aus Tausenden solcher Einzelbeobachtungen entsteht eine Weltkarte der Nachthelligkeit – und die sieht deutlich anders aus als die Modelle von Satelliten. Denn Satelliten messen, was nach unten leuchtet. Deine Augen messen, was tatsächlich am Himmel ankommt.
Die App dazu: Loss of the Night
Wer es noch bequemer mag, nutzt die App Loss of the Night (für Android und iOS), die vom Berliner Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) mitentwickelt wurde. Sie führt dich Stern für Stern durch eine bestimmte Himmelsregion und ermittelt so eine präzise Helligkeitsgrenze – die sogenannte Grenzgröße. Je schwächer der schwächste Stern, den du noch erkennst, desto heller ist dein Himmel.
Ein Tipp vom Kosmo-Redaktionstisch: Gib deinen Augen fünf bis zehn Minuten Zeit, sich an die Dunkelheit zu gewöhnen, bevor du zählst. Und schalte das Handydisplay auf Nachtmodus – sonst warst du deine eigene Messung gleich wieder kaputt.
Warum deutsche Nächte so hell sind
Deutschland ist ein Weltmeister im Wegleuchten. Die dichte Besiedlung, die flächige Beleuchtung von Gewerbegebieten und der Trend zu kaltem, blauem LED-Licht sorgen dafür, dass selbst im Schwarzwald oder in der Eifel der Horizont glimmt. Blaulicht ist dabei besonders tückisch: Es streut in der Atmosphäre stärker und stört zudem das Hormonsystem von Mensch und Tier mehr als warmes Licht.
Dass es anders geht, zeigt die Gemeinde Grafenau im Bayerischen Wald oder die Region um den Westhavelland – Deutschlands erster Sternenpark. Dort wird bewusst mit abgeschirmten, warmen und bedarfsgesteuerten Leuchten gearbeitet. Resultat: Der Himmel bleibt nachts tatsächlich nachts.
Was deine Daten bewirken
Klingt nach Kaffeekränzchen-Astronomie? Weit gefehlt. Studien, die auf Globe-at-Night-Daten zurückgreifen, haben gezeigt, dass der Nachthimmel weltweit Jahr für Jahr um rund zehn Prozent heller wird – ein Wert, den reine Satellitenmessungen massiv unterschätzt hatten. Diese Zahlen landen in Fachjournalen, fließen in kommunale Lichtplanungen und geben Initiativen wie der Dark-Sky-Bewegung Argumentationsmunition gegen die nächste Sportstätten-Flutlichtanlage.
Mit anderen Worten: Deine fünf Sterne-zählen-Minuten am Dienstagabend können real dazu beitragen, dass eine Stadt ihre Beleuchtung umrüstet. Kaum ein anderes Hobby hat eine kürzere Distanz zwischen Balkon und Wirksamkeit.
Der perfekte Einstieg für Einsteiger
Globe at Night eignet sich übrigens wunderbar als Familienprojekt oder für den Astronomie-Kurs an der Schule. Kinder ab etwa acht Jahren können die Kartenvergleiche problemlos mitmachen, und nebenbei lernen sie die Sternbilder kennen – eine Fähigkeit, die im Zeitalter der St apps sonst ausstirbt.
Also: Nächstes Wochenende, wenn der Himmel aufklart, raus auf den Balkon, nach oben schauen, zählen, melden. Die Milchstraße sagt danke – auch wenn du sie vielleicht erst wiederfindest, wenn genug Leute mitgezählt haben.