Terminvorschau fürs Jahr 4.500.000.000: Wenn sich unsere Galaxie mit Andromeda die Klinke in die Hand drückt
Manche Termine kann man getrost in den Kalender eintragen, auch wenn die Erinnerungsfunktion versagt. Die Kollision unserer Milchstraße mit der Andromedagalaxie gehört dazu: angesetzt in ungefähr vier Milliarden Jahren, mit Vorlauf von gigantischem Ausmaß. Denn die Andromeda – unser kosmischer Nachbar in rund 2,5 Millionen Lichtjahren Entfernung – rast bereits seit Äonen auf uns zu. Mit etwa 110 Kilometern pro Sekunde. Pro Sekunde!
Und das Beste: Etwas zu sehen gibt es schon heute. Andromeda ist mit bloßem Auge als blasser Lichtfleck im Sternbild Andromeda erkennbar – das entfernteste Objekt, das menschliche Augen ohne Hilfsmittel je wahrgenommen haben.
Wie kam die Astronomie auf diesen verrückten Termin?
Dass sich Andromeda auf uns zubewegt, wusste man schon seit den 1910er-Jahren, abgelesen am Blauverschiebung ihres Lichts. Das Verblüffende: Innerhalb unseres lokalen Galaxienhaufens überwiegt die Anziehung die allgemeine kosmische Expansion. Die Raumdehnung schiebt Galaxien auseinander – aber zwischen uns und Andromeda gewinnt die Schwerkraft.
Echte Präzision wurde erst möglich, als Astronomen um die Jahrtausendwende die Eigenbewegung von Andromeda am Himmel genauer vermessen konnten. Das Hubble-Weltraumteleskop und später die Gaia-Mission lieferten die Daten, auf denen heutige Simulationen beruhen. Fazit der Modellrechnungen: Erster Kontakt in etwa vier Milliarden Jahren, vollständige Verschmelzung nach weiteren zwei Milliarden. Die Wahrscheinlichkeit eines echten Crashs liegt bei fast 100 Prozent – ein direkter Treffer ist allerdings unwahrscheinlich, eher ein gigantisches Ringelreihen.
Was passiert dann eigentlich?
Hier kommt die Pointe, die immer wieder für Staunen sorgt: Es wird kaum etwas zusammenstoßen. Galaxien sind zu 99,999999 Prozent leerer Raum. Wenn zwei Galaxien sich durchdringen, fliegen die Sterne schlicht aneinander vorbei. Die Abstände zwischen ihnen sind schlicht zu groß.
Die eigentliche Dramaturgie spielt sich woanders ab:
- Die Sternbilder zerbröseln. Die Bahnen der Sterne werden durch die Gravitation des Partners völlig durcheinandergewirbelt – unser Nachthimmel wird über Jahrmilliarden zur Achterbahnfahrt.
- Die Gaswolken prallen zusammen. Anders als Sterne sind sie ausgedehnt. Beim Zusammenprall kollabieren sie, es wird gewaltig neue Sterne geben – Astronomen sprechen vom sogenannten Starburst.
- Schwarze Löcher tanzen. Die supermassereichen Schwarzen Löcher beider Galaxien spiralen aufeinander zu und verschmelzen vermutlich zu einem einzigen Monster im Zentrum der neuen Galaxie.
Das Endergebnis? Eine riesige Ellipsengalaxie, für die die Forschung schon den klangvollen Arbeitstitel Milkomeda geprägt hat – Milchstraße plus Andromeda. Und wer wissen will, wie das aussieht: Die Hubble-Aufnahmen der sogenannten Mäusegalaxien oder des Objekts NGC 7252 zeigen solche Verschmelzungen live, irgendwo anders im Universum.
Und die Erde?
Entspannt bleiben, bitte. Unsere Sonne hat in etwa fünf Milliarden Jahren ihren roten Riesen-Auftritt – also rund eine Milliarde Jahre nach der Kollision. Bis dahin hat sich die Erde ohnehin unkenntlich verändert. Ob es dann noch Erdenbewohner gibt, die sich den Himmel anschauen, ist reine Spekulation. Falls ja: Ihnen würde ein spektakulärer Anblick bevorstehen. Die Andromeda füllte dann ein Vielfaches des heutigen Vollmondausschnitts am Himmel, bevor beide Galaxien zu einer Struktur verschmelzen, die in dieser Form nie zuvor existiert hat.
Ein Plädoyer für die lange Frist
Warum erzählen wir das überhaupt, wenn kein Mensch es je erleben wird? Weil dieser Blick in die tiefe Zukunft etwas mit uns macht: Er relativiert. Termine, Deadlines, der Stau auf der A3 – alles wird ein wenig kleiner, wenn man bedenkt, dass sich zwei Galaxien seit Milliarden Jahren gemütlich aufeinander zubewegen und niemand drängelt.
Die Kollision ist übrigens ein Geschenk für die Beobachtungspraxis: Wer Andromeda im Herbst am Himmel aufsucht, schaut gewissermaßen auf das zukünftige Geschwister unserer Heimatgalaxie. Ein Fernglas reicht völlig aus, um den blassen Schimmer rund zwei Millionen Lichtjahre entfernt zu erkennen – das Licht, das dich da erreicht, hat sich auf den Weg gemacht, bevor es die Menschheit gab.
Der Kosmos hat Geduld. Vielleicht ist das die eigentliche Lektion dieser vier-Milliarden-Jahre-Vorschau: Manchmal lohnt es sich, einfach nach oben zu schauen und sich vorzustellen, was da noch kommen wird – ganz ohne dass wir dafür etwas tun müssen.